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Interview mit PVRIS

Die Veröffentlichung des Debütalbums „White Noise“ von PVRIS ist schon eine ganze Ecke her (2014), bis der Erfolg der dreiköpfigen Band aus Massachusetts nach Europa schwappte, dauerte es knappe zwei Jahre.

Die von der amerikanischen Alternative-Presse hochgelobte LP zog unter anderem Touren mit Bands wie Bring Me The Horizon und Fall Out Boy nach sich, Auftritte bei Jimmy Kimmel sowie eine zugesteuerte Coverversion von Sia’s „Chandelier“ auf der „Punk Goes Pop Vol. 6“ Compilation nach sich. Der Erfolg der ersten Headliner-Tour, die sich durch halb Europa und UK zieht, kann sich sehen lassen: nahezu jede Show ist ausverkauft, für die bald folgende Nordamerika-Tour gehen die Tickets schneller weg als Tupperware im Angebot bei ALDI. Grund genug, der Band mal genauer auf den Zahn zu fühlen. Wir haben uns vor ihrer Show im Kölner Luxor auf eine Tasse Tee zu Frontfrau Lynn Gunn und Gitarrist Alex Babinski in den Tourbus gesetzt.

PVRIS bei ihrer Show im ausverkauften Luxor in Köln 2016 // Foto: Kirsten Otto

PVRIS bei ihrer Show im ausverkauften Luxor in Köln 2016 // Foto: Kirsten Otto

Da draußen stehen für die Uhrzeit schon ganz schön viele Leute. Auf eurer ersten UK/EU Headliner-Tour ist fast jede Show ausverkauft – wie fühlt sich das an?
Alex: Ja, Wahnsinn!
Lynn: Das ist total krass. Zwischen den zwei Einzelshows, die wir letztes Jahr in Deutschland gespielt haben und der Tour jetzt liegt nur ein Jahr. Wir sind seit zwei Jahren so gut wie ununterbrochen unterwegs – zu sehen, dass sich das Ganze auszahlt, die Clubs, in denen wir spielen, immer größer werden. Da denken wir uns: Okay, wir machen hier definitiv was richtig!

Könnt ihr die Musik von PVRIS in drei Worten beschreiben?
Alex: Ich versuche eine Kombination aus drei Wörtern zu finden. Ich würde düster und traurig sagen.
Lynn: Definitiv düster. Düster und launisch.
Alex: Ja, und ähhh…
Lynn: Dynamisch!

Ihr habt „White Noise“ mit Blake Harnage (Gitarrist von VERSA, ehem. VERSAEMERGE) produziert. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden?

Lynn: Das ist ne lange, aber gute Geschichte. Ich war früher ein mega VersaEmerge Fan und wusste, dass er in der Band für die ganze Programmierung verantwortlich war, den ganzen technischen Hintergrund der Musik. Ich bin auf einem ihrer Konzerte vor der Halle in ihn rein gelaufen und hab ihn angequatscht, welches Programm er mir empfehlen würde, weil ich im Kopf habe, ähnliche Musik zu produzieren. Wir haben uns dann ne ganze Weile über den Kram unterhalten. Ich war zu dem Zeitpunkt vielleicht 14 oder 15 und er dachte nur „was stellt dieses Mädchen denn für Fragen?“, gab mir aber seine E-Mail Adresse und ein paar Tipps mit auf den Weg.
Wir haben dann noch eine ganze Zeit lang hin- und her gemailt. Als ich ihm erzählte, dass wir an einem Album arbeiten, meinte er, dass wir zusammen bestimmt was richtig Cooles bauen könnten. Ich habe ihm ein paar Demos geschickt, er hat daran rumgebastelt und schickte sie zurück. So haben wir erst mal online zusammen gearbeitet, was allein dadurch zustande kam war erstaunlich, also haben wir beschlossen, dass wir definitiv mit ihm arbeiten müssen. Dann sind wir zusammen ins Studio. Die Arbeit mit ihm war wirklich wahnsinnig gut. Wir wussten damals noch gar nicht so recht, wo die Sache hin gehen sollte, wollten aber im Arbeitsprozess nicht eingeschränkt werden. Wir hatten freie Hand, er hat uns einfach machen lassen. Diese Mentalität haben wir mittlerweile in so ziemlich allem, was wir tun – mach, was dir gut tut und was sich gut anfühlt. Denk nicht darüber nach, was andere von dir halten oder erwarten. Solange es authentisch ist und sich richtig anfühlt, wird das Ergebnis für sich selbst sprechen.
Mittlerweile sind wir extrem gute Freunde, er ist quasi das vierte Bandmitglied. Er hat uns so viel beigebracht, wir sind durch ihn extrem gewachsen – nicht nur als Musiker und Texter, sondern auch als Menschen generell. Wir sind sehr viel offener und selbstbewusster geworden in dem, was wir tun.

Eine äußerst gesunde Art, seine Brötchen zu verdienen…
Lynn (lacht): Ja, oder? Tu, was du liebst!

Welcher ist euer Lieblingssong auf dem Album? Welchen spielt ihr besonders gerne live?
Alex: Ich bin schon immer ein großer Fan von „White Noise“. Ich liebe den Sound, vor allem live.
Lynn: Momentan ist es bei mir „You and I“, weil da alle immer richtig schön mitgröhlen. Ich mag die Dynamik, weil er erst sehr tief und dann aggressiv wird. Den Song live zu spielen ist immer wieder eine Herausforderung, die mir sehr viel Spaß macht.

Am 22. April wurde die Deluxe Version von „White Noise“ veröffentlicht…
Alex: Auf der Deluxe Version befinden sich drei neue Songs – „You and I“, den wir ja vorab schon veröffentlicht haben, „Empty“ und eine runtergestrippte Version von „You and I“.
Lynn: Der Prozess, der hinter „Empty“ steht, war sehr cool und extrem ausgearbeitet. Als wir das Album produziert haben, war das einer der ersten Songs, an dem wir gearbeitet haben. Wir wollten ihn eigentlich auch auf der normalen Version haben, kriegten es aber irgendwie nicht hin, dass er richtig klingt. Wir haben ihn dann hinten an gestellt und gesagt „hey, wir basteln einfach später weiter daran“. Als wir die Idee mit der Deluxe Version hatten, dachten wir, das ist eine gute Möglichkeit, ihn wieder aufzunehmen. Wir nahmen ihn bis auf die Vocals noch einmal komplett auseinander und passten ihn Stück für Stück an. Das Endergebnis war sehr viel besser. Ich bin gespannt wie „Empty“ ankommt, da es ein sehr persönliches Lied ist.

Wie ihr vorhin erwähnt habt, seid ihr seit zwei Jahren fast ununterbrochen auf Tour – abgesehen von den unzähligen Musikvideos und der Acoustic-EP, die ihr nebenbei produziert habt. Habt ihr überhaupt mal Freizeit?
Lynn: Nein!
Alex: Wirklich nicht. Aber ich fühle mich sehr viel wohler dabei, die ganze Zeit unterwegs zu sein anstatt zuhause Gott weiß was zu tun. Herum reisen, andere Orte und Menschen kennen lernen, Shows spielen…
Lynn: Wir sind Workaholics, mich würde es auf jeden Fall fertig machen, zuhause zu sitzen und nichts zu tun. Das Einzige, worauf ich mich zuhause freue, ist Zeit zu haben, an neuen Sachen zu arbeiten. Wir arbeiten zwar auch von unterwegs an neuen Songs, aber man verbringt ja nicht die ganze Zeit nur im Bus, sondern muss auch ab und zu in ein Flugzeug steigen, von den Shows mal ganz abgesehen. Bei einem solchen Zeitplan ist es schwierig, eine Idee ganz ausreifen zu lassen. Zuhause muss ich mich an keine Zeiten halten und kann mit der Idee herum spielen, solange ich will.
Alex: Ich glaube, nach einer Woche zuhause würde ich sofort wieder weg wollen.
Lynn: Haha, ja. Das würde mir bestimmt auch so gehen.

Ihr wart schon mit einigen großen Bands unterwegs – letztes Jahr wart ihr zum Beispiel mit Bring Me The Horizon hier… mit wem würdet ihr gerne mal touren?
Alex: Ich würde super gerne mit The 1975 auf Tour gehen.
Lynn: Ja, absolut! Das könnte tatsächlich mal passen. Außerdem – wird leider vermutlich nicht passieren, da wir musikalisch gesehen nicht zusammen passen – ich würde vor Freude heulen, wenn wir mit Florence & The Machine touren würden. Wobei, sie hatten neulich auch mal Grimes als Support dabei, vielleicht gibt es da ja doch genug musikalischen Spielraum. Ich drück uns die Daumen.

PVRIS bei ihrer Show im ausverkauften Luxor in Köln 2016 // Foto: Kirsten Otto

PVRIS bei ihrer Show im ausverkauften Luxor in Köln 2016 // Foto: Kirsten Otto

Wer von euch kam auf die Idee mit den P-Tattoos hinter dem Ohr?
Alex: ich glaube, das war Lynn… Du kamst in einem Moment auf die Idee und im nächsten Moment saßen wir alle beim Tätowierer.
Lynn: Ehrlich? Ich erinnere mich gar nicht dran. Ah doch, in Dallas! Wir liefen durch die Stadt, als unser Manager erzählte, dass er einen Freund hat, der in der Nähe einen Tattooladen hat. Wenn wir irgendwas haben wollten, würde er uns nen guten Preis machen. Ich hab dann aus Spaß gesagt „Lassen wir uns doch alle das P aus dem Bandlogo stechen!“ und naja, dann haben wir das halt gemacht.

Zum Schluss noch ein bisschen Blödsinn – vervollständigt folgende Sätze:

Wenn ich den Rest meines Lebens nur noch ein Gericht essen könnte, wäre das…
Alex: Steak und Kartoffelpüree mit grünen Bohnen. Das wäre meine Henkersmahlzeit.
Lynn (lacht): Falls du mal auf dem Stuhl landest? Gute Wahl. Ich nehme auch das Steak, aber mit gegrilltem grünen Spargel und Knoblauch.
Alex: Ich hab’s mir überlegt. Lass die Bohnen weg, ich will Brokkoli dazu.

Die Person in unserem Tourbus, die mit größter Wahrscheinlichkeit aus Versehen an einer Tankstelle vergessen würde, ist…
Beide: Justin! (Nace, Live-Drummer)
Lynn: Von uns dreien weiß ich nicht…
Alex: Ich glaube, entweder Du oder ich. Ich liebe Tankstellen und renne bei einer Pause immer raus. Ja doch, ich glaube das wäre ich.

Die Person in unserem Tourbus, die mit größter Wahrscheinlichkeit mit Absicht an einer Tankstelle vergessen würde, ist…
Lynn: Mit Absicht? Wer macht denn sowas?

Aus Spaß vielleicht?
Lynn: Stimmt. Dann wäre das Brian. Ich glaube, er fände es auch witzig und würde hinterher laufen oder sowas.

Wenn ich keine Musik machen würde, wäre ich vermutlich…
Alex: Zauberer! Nein, nicht wirklich. Ich würde vermutlich professionell Sport machen. Baseball oder sowas.
Lynn: Bei mir könnte das in verschiedene Richtungen gehen. Ich würde entweder Grafikdesign machen oder Tätowiererin sein. Ich sollte in der Schule einen Grafikdesign Kurs belegen, um den Kram zu lernen, das hat aber nicht so ganz geklappt. Also würde ich wohl entweder das machen oder professionell Softball spielen.

Ein Lieblingssong, zu dem ich mitsinge, wenn ich alleine bin, was ich aber nie zugeben würde…
Lynn: Uns ist nichts peinlich!
Alex: Ich habe keine guilty pleasures, aber ich glaube, es wäre irgendwas von Nickelback.
Lynn: Ich schäme mich wirklich für überhaupt nichts, wenn ich etwas mag, gebe ich das zu, auch wenn es der größte Bullshit ist. Ich war schon immer ein Fan von Justin Bieber. Vielleicht das? Aber jetzt ist er ja cool, jetzt mögen ihn alle. Vor zwei Jahren haben alle noch auf ihm rumgehackt, ich hab immer gesagt „ist mir egal, ich liebe ihn, fuck you guys!“

Meine schlechteste Angewohnheit ist…
Alex (denkt extrem lange nach): Hmmm…
Lynn: Du vergisst oder verlierst ständig deine Sachen. Überall lässt du was liegen.
Alex: Ja, das stimmt. Mindestens eine Sache am Tag.
Lynn: Er ist wirklich schlimm. Ständig kriegt er so coole Sachen geschenkt und dann verliert er sie. Neulich hat er eine so tolle Lush Seife bekommen, die ist auch schon weg.
Alex: Ich verliere auch ständig meinen Schmuck, dauernd muss ich mir neuen kaufen. Den ich dann wieder verliere. Vor kurzem hab ich auch mein Parfüm verloren.
Lynn: Schon wieder?
Alex: Ja, aber ich hab’s mir neu gekauft.
Lynn: Verlier das nicht noch mal!
Alex: Ja, Mama.
Lynn: Ich bin auf jeden Fall ziemlich schlecht, wenn es um Zeitmanagement geht, aber ich glaube, das ist eher eine Eigenschaft von mir, keine schlechte Angewohnheit. Ich bin halt so.
Alex: Ich schlafe zu gerne.

Wer tut das denn nicht?
Lynn: Ich hasse schlafen! Das ist reine Zeitverschwendung.

Das ist ja, als würde man sagen: „ich hasse essen!“
Lynn: Nein! Ernsthaft, wenn wir nicht schlafen müssten um zu leben, ich würde es sein lassen. Wenn es eine Pille gäbe, die deinem Körper die Energie gibt, wie es Schlaf tut – ich würde sie nehmen und nie wieder schlafen.
Alex: Vielleicht solltest du ein Vampir werden.
Lynn: Ja, sollte ich! Ach, und ich arbeite zu viel. Ich bin sehr selbstkritisch und perfektionistisch. Selbst, wenn ich mir damit manchmal selbst im Weg stehe.

…und so war’s beim Konzert in Köln:

Da die Supportband BONES im Stau fest steckt, betreten Lynn Gunn und ihre Jungs die Bühne eine knappe halbe Stunde früher als geplant. Die Band, die für ihre energiegeladenen Livesets bekannt ist, zerlegt die nächsten 90 Minuten den Club. Zwischen allen Songs der LP „White Noise“ setzen sie eine kurze Verschnaufpause, für „Only Love“ aus der Acoustic-EP sowie „Ghosts“ steht Lynn alleine von Alex’ Gitarre begleitet auf der Bühne.
„Wisst ihr was? Nehmt doch alle mal die Handys runter. Ab in die Hosentasche damit. Ich will, dass bei der nächsten Nummer keiner durch ein Display guckt. Die Dinger sind schlimm. Fokussiert euch mehr auf das, was vor euch ist.“ Amen, Lynn. So lässt sich wenigstens „Holy“ durchweg genießen.
Zur Zugabe „You and I“ hält Lynn eine Deutschland-Flagge mit Bandlogo hoch. „Danke Deutschland, ihr wart so gut zu uns. Wir kommen sehr bald wieder. Versprochen!“
Danke PVRIS, wir freuen uns schon.

PVRIS bei ihrer Show im ausverkauften Luxor in Köln 2016 // Foto: Kirsten Otto

PVRIS bei ihrer Show im ausverkauften Luxor in Köln 2016 // Foto: Kirsten Otto

Setlist:

Smoke
Mirrors
St. Patrick
White Noise
Fire
Only Love
Ghosts
Holy
Eyelids
Let Them In

Zugaben:
You and I
My House