Pascow Bahnhof Lagendreer Bochum (6)

LOST HEIMWEH: Pascow live und auf Film-Tape in Bochum

Das Gefühl, dass es ein Abschiedsgeschenk sein könnte, schwingt immer mit: Pascow bringen am 27. Januar ihre LOST HEIMWEH-Box in die Läden. Zum Auftakt haben sie das Herzstück, den packend nahen Dokumentarflm LOST HEIMWEH von Kay Özdemir und Andreas Langfeld mit anschließendem Konzert unter anderem in den Bochumer Bahnhof Langendreer gebracht.

Es ist bitterkalt in Bochum, der rot leuchtende Stern vom Bahnhof Langendreer spendet nur mentale Wärme in die Dunkelheit und so flüchten sich die aus der S-Bahn-ströhmenden (Alt-)PunkerInnen in den Vorraum des kleinen Kinos. Alex Pascow steht mit Popcorn, Dosenbier und Spendendose für Pro Asyl bereit: „Ihr könnt auch zwei Popcorn bekommen“, sagt er gönnerhaft. Ist ja auch erstmal Kino und nicht Konzert, ne.

Eineinhalb Jahre begleiten sie Pascow

„Wir sind naiv an die Sache rangegangen“, sagen im Kinosaal Kay Özdemir und Andreas Langfeld leicht glucksend, leicht verhalten. Flo Pascow hat sie routiniert vor die Leinwand gezogen, damit Kay und Andi ihren verdienten Applaus als Filmemacher von LOST HEIMWEH bekommen. Ganze eineinhalb Jahre hat die Produktion der Musik-Band-Konzert-Doku gebraucht. „Durch unsere Naivität sind viele Schwachstellen entstanden“, Kay lacht: „aber das wird durch die Länge des Films übertüncht.“ Ganze zwei Stunden haben sie gefüllt mit intimen Momenten. Mit der Band, BookerInnen, BegleiterInnen und immer wieder mindestens genauso intimen Aufnahmen der Konzerttour zu LOST HEIMWEH. Lang fühlt sich das nicht an.
Das Konzept hinter Tour und Film erklärt Alex Pascow zu Beginn der Doku selbst. Die silberne Kamm-Frisur sitzt wie immer perfekt, Alex spricht mit Blick auf die Straße gerichtet und steuert sein Auto durch die dörfliche, saarländische Heimat Gimpweiler. Im Hintergrund laufen Love A mit dem „Too Doof To Fuck“-Cover. Das ist extra für diesen Film entstanden. „Ich glaube kaum, dass uns hier jemand kennt“, sagt Alex. Und während das in diesem ländlichen Fleckchen Deutschlands tatsächlich zu stimmen scheint, beweist die Film-Idee dass es in anderen Mini-Orten ganz anders aussieht.

Der Frisur sitzt, das Blut läuft

LOST HEIMWEH ist erstmal eine Tour durch die selbstverwaltete Club- und Konzertlandschaft Deutschlands. Immer dabei die Filmer Kay und Andi. Wie Schatten, die der Band auf Schritt und Tritt folgen. In entspannter Backstage-Atmosphäre kommen dabei aber nicht nur die vier Pascows zu Wort. Szene-Urgesteinen wie die bis zu den Zähnen tattowierte Besitzerin des Bonner „Bla“ überlegen nostalgisch. Die blutjungen KonzertveranstalterInnen im Leipziger Conne Island hibbeln im Interview vor Tatendrang. Alle erklären sie ihre ganz eigene Liebe zu DIY-Konzerten. Der Film geht nah ran. Zeigt Pascow mit von Blut verschmierten Bässen, Rotz trieft aus den Nasen, T-Shirts die nur so am Leib kleben. Die vier spielen alle Zugaben, die gefordert werden. Kein Konzert, ohne dass sich Alex nicht mit weiterhin perfekt sitzender Frisur in die Leute stürzt, rumgereicht wird, wieder auf die Bühne klettert. Dazwischen Fragen wie: „Passen Beruf und Band so weiterhin in unser Leben?“ oder „Was kann nach ‚Diene der Party noch kommen‘?“. Die Aufnahmen sind so dicht, dass die ZuschauerInnen im Kinosessel fast Schweiß statt Popcorn riechen könnten. Wie gute Konzertfotos, nur bewegt.

Auch mit hundert Leuten mehr: rufen, rotzen, rasen

Der Film hängt die Latte hoch, für das anschließende Konzert, das bei dieser „Popcorn & Dosenbier-Tour“ ins Konzept gehört. Sniffing Glue rasen als Vorband mit Karacho über die Bühne. Sie sind eine der acht Bands, die den Soundtrack zum Film beisteuern und damit auch mit auf Tour durften. Sniffing Glue haben „Zeit des Erwachens“ ergattert. Der Song setzt sich mit der massenweisen Flucht über das Mittelmeer auseinander. Typisch eliptischer Pascow-Stil. Sniffing Glue brettern live dadurch, der Schlagzeuger legt sich anschließend auf der Snare ab. Alle geben alles. Mit dem ersten Pascow-Ton auf der Bühne des Bahnhof Langendreer ist dann auch klar, wie es weitergeht: schwitzen, schwitzen, schwitzen bis alle voll im Feeling sind. Auch wenn wir gerade noch im Kinosessel gechillt haben. Auch wenn morgen noch nicht Wochenende ist. Mikroständer und Band wuseln sich zusammen in die Menge, Flo bringt in Kleidchen und Strapsen einen artistischen Dive vom Zuschauerbalkon in die Masse und gemeinsam schreit die Fangemeinde von unten auf die Bühne rauf: „Trampen nach Norden!“.

LOST HEIMWEH: Box-Set mit Schnick Schnack

LOST HEIMWEH kommt am 27. Januar als Box-Set mit Vinyl 10‘‘, MP3, Fotobuch und dem „Diene der Party“-Raben als Anstecker. Das alles braucht es eigentlich nicht, um die Schlagkraft des Films zu vermarkten. Gerade die Cover-Platte lohnt sich aber als Extra. Wenn Duesenjaeger „Trampen nach Norden“ interpretieren, weiß man nicht, ob man beim ersten „Wuh“ weinen oder lachen soll. So schön düster und zugleich euphorisch. Wer Angst hat, nicht mehr so lange mit den von Sinnzweifeln getriebenen Pascow im JUZ um die Ecke schwitzen zu dürfen, findet mit LOST HEIMWEH die passende, extrem nahe, rasende Punk-Unruhe in eine Doku und eine Box gebannt.

(Fotos: Nele Posthausen)