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Interview mit Marathonmann

Michi von Marathonmann hätte den Bass am liebsten in die Ecke gefeuert: Die Deadline war saueng, der Drummer ganz neu und der Gitarrist wollte auf einmal Pop machen. Das Album „Mein Leben gehört dir“ ist unter extrem hohem Druck entstanden – und ohne den Gitarristen.

Wer Marathonmann sagt, kann im gleichen Atemzug locker auch KMPFSPRT, Jennifer Rostock und Adam Angst sagen. Mit dem brandneuen Album „Mein Leben gehört dir“ wollen die Münchner die Lungen aber noch ein bisschen weiter dehnen. Es wird poppiger, sphärischer und voller Gefühle. Dabei war das komplette Album eine ziemliche Hauruck-Aktion, gesteht Marathonmann-Sänger Michi im Interview.

Als erstes musst du mir dieses gesprochene Intro auf dem neuen Album erklären, ich hab mir schon Mühe gegeben rauszufinden, ob das ein Schnipsel aus einem Film ist oder so was…

Michi: Also es ist nicht geklaut! Ich wollte einfach schon immer mal so ein Intro auf der Platte haben. Und die Idee war erst, dass es jemand anders spricht. Irgendwie ein älterer Herr. Wir wollten mal die Stimme von Jack Nicholson, die deutsche Synchronstimme…

Die habt ihr angefragt?

Michi: Ja, aber unfassbar teuer ist die! Unfassbar! Dann habe ich gedacht, mache ich es lieber. Das soll einfach nur die Einleitung zum Album sein. Dese Mächte des Wahnsinns, dieser Druck. Dass unser Schutzschirm langsam zerbricht und wir das zulassen, dass man nicht mehr sein Leben leben kann. Das ist die Einleitung.

Marathonmann – texten mit Stoppuhr

Gab es einen bestimmten Moment, wo klar war, wir machen das jetzt?

Michi: Das ist wie ein Geistesblitz entstanden! Bei unserem Gitarristen im Zimmer habe ich es eingesprochen, alles so richtig locker, authentisch. Und dann haben wir gesagt: ‚Das kommt dauf!‘

Wenn wir schon bei dem Schreibprozess sind, du sagst, das Beste ist immer, wenn es auf dich zukommt. In welchen Situationen kommt es denn oft auf dich zu?

Michi: Beim Album jetzt war es teilweise so, dass wir die Songs zusammen gemacht haben und dann hatten wir das Gefühl: Jetzt brauchen wir Vocals. Und dann habe ich mich kurz an den Rand gesetzt, mir die Ohren ein zu gehalten, nachgedacht und dann ziemlich schnell den Song gleich aufgenommen. Das hat bei diesem Album super funktioniert.

Und die englischen Parts, sind die Prämisse oder kommt auch da eins zum anderen?

Michi: Das kommt einfach so. Der englische Part auf dem Album ist von „Alice Hinter den Spiegeln“, dem Buch. Ich hatte es irgendwie gelesen und dachte: ‚Es muss da rein!‘. Das hat ja jetzt auch Andi von Caliban mitgemacht und dann habe ich irgendwas gefühlt. Da knistert es so und dann muss das da rein. Wenn es aber ein spanischer Text gewesen wäre, den ich gefühlt hätte, dann wär der rein gekommen. Das finde ich halt das Spannende. Ohne groß nachzudenken. Wenn man es fühlt, dann macht man es einfach. Darum geht es für mich in der Kunst. Da lebt es.

Und Caliban, wie kamen die zu euch oder ihr zu denen?

Michi: Caliban sind mit uns ja auf People Like You und der Andi hat uns irgendwie von Anfang an supportet. Viele denken dann vielleicht: ‚Wieso Caliban? Was habt ihr mit denen zu tun? Komplett andere Musik, andere Fanbase.‘ Aber genau deshalb ist es wieder spannend! Wir haben halt nicht wie bei den letzten Platten Richard von KMPFSPRT oder die Stimmen von Adam Angst oder Jennifer Rostock, sondern wir haben Andi von Caliban schreien lassen. Wenn man das einfach macht, dann hat es irgendwie viel mehr Sinn für mich.

Wo wir bei KMPFSPRT sind, von denen unterscheidet ihr euch auf dem neuen Album eindeutig dadurch, dass alles etwas weniger griffig und hintergründiger ist. Welche Einflüsse hören wir denn da?

Michi: Also uns beeinflusst natürlich die Musik, die wir selber hören. Ich höre viele deutsche Sachen und viel Skate-Punk von früher, so Millencolin, aber auch Captain Planet, Muff Potter und unser Gitarrist hört Parkway Drive und Carnifax, diese ganzen harten Baller-Bands…

Auch diese 2000er-Sachen…

Michi: Genau und unser neuer Schlagzeuger hört auch so Metalcore, aber der liebt auch Heisskalt und das hat sich da alles irgendwie reingebort. Die Effekt-Liebe, die Delays, das bringt dann unser Gitarrist Robin ein, während ich ab und an einen simplen Punk-Beat brauche.

„Der Druck war super hoch. Ich hatte das Gefühl, dass ich gar nicht mehr Bass spielen kann und will.“

Das Album „Mein Leben gehört dir“ ist ja ganz schön zügig nach dem letzten gekommen, wolltet ihr so dringend wieder ins Studio?

Michi: Wir haben im Sommer darüber gesprochen und waren alle bereit dazu, aber dann wurde irgendwie alles super knapp. Uns war halt wichtig, jetzt im Frühjahr Release zu haben. Das hieß aber: Sofort anfangen, Songs zu schreiben! Die Deadline stand von Anfang an. Das war wahnsinnig schwierig. Unser zweiter Gitarrist ist kurz vorher ausgestiegen und unser Schlagzeuger war auch gerade erst ganz neu. Aber zu dritt hat es super funktioniert, wir haben halt total Gas gegeben. Der Druck war aber natürlich super hoch. Ich hatte teilweise das Gefühl, dass ich gar nicht mehr Bass spielen kann, dass ich das nicht mehr will und jemand anders bitte für mich einspielen soll. Das hatte ich dann einen Tag lang, bis mich jemand beruhig hat. Es war eine große Herausforderung und ziemlicher Stress. Und deswegen sind wir jetzt umso stolzer auf „Mein Leben gehört dir“. Wir haben es wirklich geschafft abzugeben. Mit dem Artwork, mit dem Titel, mit jedem Song, mit den Bonustracks sind wir zufrieden. Deswegen sind wir total gespannt, wie es ankommt.

Was hat das musikalisch mit dem Album gemacht, dass ihr so einen Druck hattet?

Michi: Also unser alter Gitarrist wollte so in die Pop- und Beatsteaks-Richtung und das hat halt nicht funktioniert. Als wir nur noch drei waren, wussten wir, dass das Album so sein muss, wie wir als Personen sind. Jetzt ist es teilweise total Marathonmann, teilweise aber auch ganz anders geworden. Mal einen richtig schnellen Song, mal ein Solo drin, das hatten wir auch noch nie. Dann haben wir uns auch poppigere Song getraut, was straightes wie „Die Zeit war“ – das hat nur in der Situation funktioniert.

Wer ist jetzt der neue Gitarrist?

Michi: Der Neue, Leo, ist ein alter Freund von uns. Den kennen wir schon ewig, zehn Jahre oder so. Und der denkt so wie wir, der kann gut spielen und der bereichert uns auch noch einmal, auch beim nächsten Album. Da bringt er dann sicher seinen Prog-Rock-Einfluss ein.

Ihr habt jetzt von der Platte als erstes die Single „Mein Leben gehört dir“ rausgehauen…

Michi: Na, das ist eher so ein erstes Lebenszeichen gewesen. Der Song ist ja eher so ein Gedicht. Die erste echte Single ist dann „Die Zeit war“. Das ist einfach ein straighter Song, er ist Marathonmann aber auch nicht Marathonmann. Vom Schlagzeug her ist er sehr straight. Viele werden bestimmt enttäuscht sein, weil es kein Hardcore mehr ist. Er ist einer der poppigsten Songs. Aber es ist volle Absicht damit rauszugehen, weil ich mir sehr viele Gedanken über die Zeit mache. Es ist ein wichtiges Thema.

Wofür hättest du gern mehr Zeit?

Michi: Für die Band, für meine Freunde. Keine Arbeit halt mehr… Schöne Sachen gehen einfach immer so schnell vorbei. Das ist immer so.

Auch der Rest des Albums ist sehr gefühlig. Andere Bands – von Turbostaat über die Broilers und Pascow – haben mittlerweile das Thema „Flüchtlingskrise“ behandelt. Entscheidet ihr euch bewusst gegen so konkrete Themen?

Michi: Ja. Es gibt so viele tolle Bands, die sich politisch engagieren und die das können und denen man das abnimmt. Diese Bands muss es geben. Marathonmann war noch nie so eine Band, die sich nach außen mit diesen Themen befasst hat. Es muss auch Bands geben, die einfach allgemein über das Leben, die Menschlichkeit, das Zusammenleben, Gefühle, Ansichten und ohne konkrete Beispiel singt. Ich meine, man kann schon auch einiges rein interpretieren. Stimmen im Meer ist schon der Track, in dem es um die Menschen auf Booten geht. Da kann man schon Flüchtlinge hinein interpretieren, die haben Hoffnung auf ein besseres Leben, aber wenn sie kentern dann ertrinken sie. Das ist schon ein bisschen so. Aber wir wollen eben einfach andere Themen behandeln. Klar, wenn ich zu Feine Sahne Fischfilet gehe, da bekomme ich diese Parolen, das weiß ich dann. Aber das will ich vielleicht gar nicht immer. Ich will auch mal auf ein Konzert gehen und andere Dinge hören, vielleicht sogar das vergessen, was da gerade passiert. Vielleicht möchte ich in mich gehen und mich damit beschäftigen, was in mir gerade passiert. Denn nur wenn ich zufrieden bin, kann ich mich auch wirklich mit anderen Themen auseinander setzen.

Michi: Klar, nicht umsonst ist Punk mit Turbostaat und Co ja schon immer mehr an die Alltags-Themen rangegangen.

Michi: Also auf „Stimmen im Meer“ hört man schon mit dem Bass-Intro und dieser Pfeife, das soll diese Situation auf dem Boot sein. Es donnert und eine Mutter beruhigt ihr Kind mit einer kaputten Flöte. Aber wir werden nie eine richtig krass politische Band nach außen hin sein.

Marathonmann geben München Hardcore-Nachhilfe

Engagieren tut ihr euch ja aber. Ihr macht das Festival „Die Stadt gehört den Besten“, wie ist das entstanden?

Michi: Wir wollten schon immer mal ein kleines Festival machen. Und der Name kommt ja von unserer ersten Single, mit der alles angefangen hat. Wir bringen alle Bands zusammen, die wir cool finden oder mit denen wir einfach gern spielen würden. Die holen wir zu uns nach München, damit die Münchener mal gute Bands sehen.

Braucht München ein bisschen Punk- und Hardcore-Nachhilfe?

Michi: Ja, die müssen einfach mal mehr gucken gehen. Wir haben das Festival jetzt drei Mal gemacht, aber es ist noch nicht ganz angekommen. Für fünf Bands, 14 Euro zahlt man ja eigentlich mal gerne, aber die Münchener kommen noch nicht ganz raus. Wir werden weiter machen.

Beobachtest du sonst auch kleinere, lokale Bands?

Michi: Egal ob es München oder Hamburg oder irgendwo ist, mich interessieren kleinere Bands sowieso. Auf unserer Tour haben wir ja deswegen jetzt diesen Aufruf gestartet, dass sich Bands melden, die uns supporten wollen. In jeder Stadt haben wir eine kleine Band ausgewählt. Teilweise sind das Bands, die 150 Likes auf Facebook haben. Aber die klangen halt super! Die laden wir jetzt ein und sie sollen mit uns und Wolves Like Us spielen. Da sind wirklich coole Sachen dabei, da achte ich wirklich drauf.

Du selbst hast die alle gehört?

Michi: Genau, etwas über 200 Anfragen hatten wir und haben zu viert alles angehört.

In Dortmund sind es Inside The Amber Room geworden.

Michi: Die wollte ich unbedingt! Das ist genau mein Skatepunk-Ding von früher. Da habe ich mir ein Video angeschaut und auch die Typen sind super und die haben sich auch total gefreut.

Dann freuen wir uns auch drauf, danke!

 

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