Our Piece of Punk

Interview: Our Piece of Punk

Judit Vetter und Barbara Lüdde haben ein Buch gemacht: Our Piece of Punk. Wobei, eigentlich ist es eher eine Art sehr fettes, sehr starkes Fanzine. Die beiden haben sich gefragt, was übrig geblieben ist von den Riot Grrrls. Antworten und neue Fragen kommen im Buch von frontsau manuela (finisterre), Tontechnikerin Sophie Hartmann oder Torsten (Torpedo Holiday). Nele Addicted hat Judit Vetter in Hamburg erwischt und mit ihr über das Neue und das Alte in der Bewegung gesprochen.

GESPRÄCH ÜBER OUR PIECE OF PUNK

Wer nicht gerne dicke Wälzer liest, sondern auch mal was für’s Auge braucht, ist bei Our Piece of Punk schonmal gut bedient. Das Ding glänzt erstmal vor lauter Illustrations-Schönheit. Farbige Seite, schwarz-weiße Zeichnungen und Darstellungen von Judit und Barbara. Aber nicht nur von ihnen. Auf den ersten Seiten durften sich alle, die mitgemacht haben im Buch, selbst darstellen. Kleine Krackeleien, Fotos in Zeichnungen umgewandelt und alle zeigen: die Punk-Szene kann so bunt, so unterschiedlich, so queer sein. Warum ist sie das nicht immer?

Judit, das Buch hat den Untertitel „Ein queer_feministischen Blick auf den Kuchen“. Warum brauchen wir den?

Es wird immer viel von Riot Grrrl geredet und deren Manifest. Uns war extrem wichtig, dass man sich darauf nicht ausruht. Wir fragen: was ist seitdem passiert? Riot Grrrl ist schön und gut und auch extrem wichtig, was die Geschichte von Punk angeht. Aber es ist Zeit vergangen seit den 90ern und wir wollten halt wissen, recherchieren und auch darstellen, was Neues geht. Wir haben viel aus unserem Umfeld mitbekommen, was wir in die Öffentlichkeit bringen wollten und damit auch provozieren.

Our Piece of Punk, Bild: Judit Vetter

Our Piece of Punk, Bild: Judit Vetter

Riot Girl, eine Bewegung, die ganz am Anfang der 90er stattgefunden hat. Lange her, ich war da so ein Jahr alt. Was ist für dich davon heute noch wichtig?

Ja, dass da plötzlich „Frauen“ auf der Bühne standen. Und sie haben Themen angesprochen, die persönlich waren, die auch sehr provoziert haben. Es war nicht üblich, auf der Bühne zu stehen und über seine eigene, sexuelle Übergriff-Erfahrung zu reden. Ich war auch noch jung, ich war 11 oder 12 und ich glaube, wirklich bei mir angekommen, ist Riot Grrrl erst als ich 19 war oder so. Das war ja auch noch nicht so einfach wie heute, ohne Internet. Aber als ich davon erfahren habe, war das schon krass, dass da was passiert. Und es war wichtig, andere Role-Models am Mikro zu hören oder auf der Bühne zu sehen, Le Tigre zum Beispiel.

Und ist davon irgendwas eingeschlafen, das für dich wieder aufgeweckt werden muss? Oder hat sich auch einfach was Neues getan? Weil wenn wir „queer“ sagen, sind wir ja auch nicht mehr nur bei binärem Geschlecht (Mann/Frau) und Menschen mit Brüsten, die nach vorne müssen.

Das ist das, was ich meinte: die 90er sind ne Weile her. Queer-feminismus bedeutet für uns auch ganz klar trans* mitzudenken. Wir hatten auch mal ein Radio-Interview, wo der Typ meinte, es würden ja nur Frauen und ein Mann im Buch vorkommen. Da war klar: der hat das Buch gar nicht angeguckt oder es nicht verstanden.

Offensichtlich. Wenn wir versuchen in dem Buch Geschlechter durchzuzählen, dann kommen wir wahrscheinlich bei einer horrenden Zahl von Menschen raus, die sich alle eigen definieren. Zu diesen Menschen, die jetzt vorkommen: wie seid ihr auf die gekommen?

Uns war klar, wir können das nicht alleine machen. Queer-Punk ist ein Netzwerk und gerade dieses Netzwerk ist super wichtig, weil es ja immer nicht lokal stattfindet. Es gibt wenige Orte, die sagen können, sie hätten eine funktionierende Queer-Punk-Community. Das ist weit gestreut und die Leute muss man irgendwie finden. Uns kam dann aber sofort Leute in den Sinn, die unbedingt darin sein müssen. Und trotzdem war es schwierig, weil das Buch natürlich nicht alles abdecken kann.

Aber es wirkt ja auch eher, wie ein Schlaglicht. Dass wir mal reinlesen und mal wieder neue Ideen bekommen. Aber wie ich das gelesen habe, soll das ja auch kein abgeschlossenes Ding sein.

Auf keinen Fall, das will es nicht und das soll es nicht und das darf es nicht. Wir wurden sehr oft gefragt, an unseren Lesungen, wann denn das nächste Buch rauskommt. Und es darf definitiv ein zweites Buch oder Projekt geben, aber das sollten nicht wir machen. Das ist unsere Perspektive und wenn wir ein zweites Projekt machen würden, dann würde das den Blick nicht erweitern.

Glitzer im Gesicht ist kein Zeichen für eine offene Szene

Ich habe letztens selbst so einen Aha-Effekt gehabt. Ich bin ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und jetzt in Köln unterwegs und habe immer das Gefühl, die Szene ist hier sehr offen. Da gehen die Leute auch mal mit Glitzer in der Fresse aufs Konzert. Dann war ich auf einem Konzert in Osnabrück und war das einzige Mädchen im Publikum. Da dachte ich: fuck, das ist schon ne richtige Penis-Party hier. Hattest du selbst so Momente?

Das passiert leider die ganze Zeit. Aber grundsätzlich finde ich Glitzer im Gesicht jetzt kein Zeichen, dass die Szene offener geworden ist. Ich finde das völlig okay, wenn das Leute machen wollen. Aber das gibt mir in dem Sinne nicht ein besseres Gefühl.

Was würde dir denn ein besseres Gefühl geben?

Queer_feministische Abzieh-Tattoos, Bild: Judit Vetter

Queer_feministische Abzieh-Tattoos als Beilage

Also erstmal gehe ich grundsätzlich fast nicht mehr auf Konzerte, wo ich weiß, es steht keine FLTI*-Person auf der Bühne. Darauf habe ich keinen Bock mehr. Ich will keinen Boykott für reine Cis-Typen-Bands ausrufen, finde ich grundsätzlich auch okay. Aber ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es nicht sein kann, dass an einem Abend nur cis-Typen auf der Bühne sind und nur cis-Typen an der Technik sind. Das gibt mir ein besseres Gefühl, wenn ich sehe, dass das halt nicht so ist. Auch wenn die Veranstaltungs-Gruppe nur aus cis-Typen besteht, dann müssen die sich mal überlegen: wer entscheidet hier eigentlich?

Wie kann das für dich funktionieren, dass sich da was ändert?

Also ich glaube oft scheitert es ja daran, dass es schwierig ist, neu in eine Gruppe reinzukommen. Weil die Gruppe schon ihre Dynamiken hat, ihre Insider und teilweise auch ein rumgepralle, wo einem klar vermittelt wird, dass man neu ist. Und ich glaube da kann man auf jeden Fall was ändern, solange man sein eigenes Verhalten reflektiert. Wen frage ich, wenn ich ne neue Band gründe? Wen frage ich, wenn ich neue Leute in einer Veranstaltungsgruppe brauche? Wie gehe ich damit um?

„Empowerment ist super wichtig“

In Our Piece Of Punk gibt es eine Diskussion zwischen euch, die sich durch das Buch zieht. Da kommen auch Fragen auf: Wie war es eigentlich bei mir, wann habe ich mich entschieden in einer Band zu spielen und was hat mich vorher davon abgehalten. Inwiefern spielt da Empowerment eine Rolle für euch?

Empowerment ist super wichtig. Und ich kann mich schon auch erinnern, dass wenn ich als Teenager eine Band mit einer FLTI*-Person gesehen habe, es für mich andere Gefühle ausgelöst hat.

Weil du dich doch anders damit identifizieren kannst?

Ja, weil ein anderes Solidaritätsgefühl da ist, auch wenn Ansagen gemacht werden. Da merke ich, dass mich das mehr betrifft und dass es mir genauso geht. Das ist krasses Empowerment für mich. Auf Lesungen werden wir ab und an angesprochen. Da kommen Leute und sagen: ich hab dieses Buch gelesen und ich will jetzt endlich eine Band gründen! Das ist einfach mega schön. Das ist eins der geilsten Feedbacks, die wir kriegen können.

MEHR VOM INTERVIEW MIT JUDIT VETTER HÖRT IHR IM KLUB KRACH,

22.11. UM 20 UHR AUF WWW.PUNKROCKERS-RADIO.DE