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Protomartyr in Köln 2015

Post-Punk ohne Erlösung, aber mit Katharsis: Protomartyr live zu sehen ist genau das Richtige für einen Montagabend im November.

Protomartyr im MTC Köln, 16.11.15

Vielleicht lag es an seiner Heimat Detroit, dieser Stadt gewordenen Perspektivlosigkeit, vielleicht auch am Alter zwischen nicht mehr ganz jung und noch nicht alt. Auf jeden Fall entschied sich Joe Casey mit Mitte 30 eines Tages dafür, Sänger einer Rockband zu werden. Er hatte das noch nie vorher gemacht, aber willige, rund ein Jahrzehnt jüngere Mitstreiter waren schnell gefunden und mit Sprache konnte er auch ganz gut umgehen.

Zu dieser Entscheidung, die Joe Casey vor einigen Jahren traf, kann man ihn nur beglückwünschen. Denn dank ihr gibt es die Band Protomartyr, die inzwischen schon drei sehr empfehlenswerte Post-Punk-Platten herausgebracht hat und nun auf ihrer Europatour im MTC in Köln vorbeikam.

Zunächst ist Casey der Blickfang der Band, weil man Typen wie ihn sonst nicht so oft auf Bühnen von Kellerclubs sieht. Im Anzug und mit einer weißen Tasse in der Hand steht er da, das Mikro hat er fest umklammert, während er seine Worte hinausbellt. Nachdem die Tasse leer ist, nimmt er die Hand nur aus der Hosentasche, um Bier zu trinken.

Er hat ein bisschen was von einem Prediger, nur dass es in den Texten nicht um Erlösug geht. Es sind düstere Aufzählungen und Abrechnungen mit grimmigem Humor. Ein produktiver Umgang mit Desillusionierung. Oder um es mit Caseys eigenen Worten zu sagen: „That’s not gonna save you, man!“ Aber was dann? In dunklen Clubs und Kneipen rumstehen, rauchen, trinken, Musik genießen ist immerhin ein Anfang.

Ohne die Band im Rücken wäre das alles aber wohl nicht halb so toll. Greg Ahee (Gitarre), Scott Davidson (Bass) und Alex Leonard (Schlagzeug) spielen großartig zusammen und unterlegen die Worte von Casey mit einem intensiven Klangteppich. Live klingt die Musik von Protomartyr nicht so sehr nach kühlem Post-Punk, der kathartische Krach überwiegt. Und gerade in den instrumentalen Passagen zeigt sich, wie exzellent die Band ist und wie gut sie mit Dynamik umgehen kann.

Als Protomartyr unter Applaus die Bühne verlassen und schließlich doch nochmal für einen Songs zurückkommen, wendet sich Joe Casey mit folgenden Worten ans Publikum: „Sehr nett von euch. In Detroit schmeißen sie uns normalerweise raus, bevor wir fertig sind.“ Man kann nur hoffen, dass er damit kokettiert. Ansonsten hätten die Leute in Detroit wirklich keine Ahnung.