Dropkick Murphys live in Düsseldorf 2013, Foto: Mathias Schumacher

Shipping Up To Oberbilk: Dropkick Murphys live in Düsseldorf

Aus Boston-Punk-Spirit mit Gänsehaut wird in Düsseldorf triviale Bierzeltstimmung: Die Dropkick Murphys in der Mitsubishi-Electric-Halle.

Gipfeltreffen der regionalen Gerstensaft-Erzeugnisse am S-Bahnhof Oberbilk. Craft-Bier-Hype am Arsch, der geneigte Dropkick Murphys-Fan bringt sich vor dem Konzert in der Düsseldorfer Mitsubishi-Electric-Halle mit Reissdorf, Stauder, Köpi und Fiege auf Freitagabend-Pegel. Der Chronist zählt genau ein Alt am Gleis und fragt sich, warum hier noch kein Pfandflaschensammler fette Beute gemacht hat.

Vor der Halle lässt sich ein verhindertes Geburtstagskind eine Flaschen Jameson entgehen. Auch der kürzlich im Gurkenland-Kiez entlaufende „American Staffordshire“ wird weiterhin vermisst. Ansonsten aber sind alle gekommen. Weit im Voraus meldete die Mehrzweckbuzze „Sold Out“ und die Murphys verkünden den publikumsstärksten Solo-Auftritt all ihrer Deutschland-Gastspiele.

Skinny Listers, Slapshot und Mr. Tom

Hinein in die Halle, wo es vor den Biertresen zu opulenten Wartezeiten kommt. Wohl dem, der einen fliegenden Zapfer entdecken und abfangen kann. Musikalisch wird zunächst nicht viel verpasst. Die Skinny Listers spielen harmlosen Gute-Laune-Folk für eine sonnengetränkte Gartenparty. Zeit genug, sich am Snack-Automaten ein Mr. Tom zu ziehen. Die persönliche Eskalation schreitet dementsprechend schleichend voran. Nein, am J-Whiskey hatte ich nicht genippt. Bin ja schließlich im Dienst. Und sehe die guten, alten Slapshot. Naja, so richtig gut sind sie nicht, was weniger an der Instrumentierung liegt, als vielmehr an der Kläfferstimme von Schreihals Jack Kelly. Ob etwa die Seele des vermissten Skip in ihn… ach lassen wir das. Bei „Olde Time Hardcore“ muss ich dann doch schmunzeln. Alte Jugend, lange her, ihr kennt das.

„Der Mob hat Bock“

Ein fachmännischer Blick auf die Uhr zeigt 21:40 Uhr, als „If The Kids Are United“ durch das Mitsubishi-Rund tönt. Nein, kein Secret Gig von Sham 69, sondern lediglich das Intro für Bostons Irish-Punk-Heroes. Die stürmen zu „The Lonesome Boatman“ auf die Bühne und das Publikum setzt sich merklich in Bewegung. „Der Mob hat Bock“, analysiert ein fachmännischer Blick neben mir. Dann mal rein ins Getümmel. Der übliche Wellenbrecher in Oberbilk lässt den Main-Pit traditionell gut 20 Meter vom Bühnenrand entfernt entstehen. Viel Menschenmasse knallt in der ersten Viertelstunde im Getümmel zu Boden, aber die eherne Regel „Wer am Boden liegt, wird aufgehoben“ funktioniert reibungslos. Bei „The Wild Rover“ kommt dank einer hierzulande vom Doppelklaus gecoverten Melodie Schunkelstimmung auf, wobei wir beim Haar in der Suppe wären.

Less Talk, More Beer-Punk

Das Ding ist, dass die Dropkick Murphys ja in ihren Texten durchaus den ein oder anderen Inhalt zu transportieren hätten. Scheint nur irgendwie kaum wen zu interessieren, und da die Bostoner Jungs es auch geflissentlich unterlassen, sich in ihren Ansagen in irgendeiner Art und Weise über ein – zusammengefasst – „danke, dass ihr hier seid“ hinaus zu artikulieren, muss man sagen: kein Wunder! Bei dem stumpfen Inhalt von „Blood“ (If you want blood, we´ll give you some. Straight from the heart, till the job is done) mag man sich ja noch taube Ohren wünschen (BVB-Hools einen Tag vor dem RBL-Bashing anwesend?). Doch irgendwann begehe ich den Fehler und lasse mich aus der ersten in die dritte Reihe zurückfallen und studiere das Treiben. Auf der Dortmunder Süd oder an der Anfield Road sorgt „You´ll never walk alone“ ja auch noch beim x-ten Heimspiel für Gänsehaut, in Düsseldorf herrscht stattdessen triviale Bierzeltstimmung.

Eine Hymne, eine Hymne

Erst das ruhigere wie großartige „Paying My Way“ vom neuen Album „11 Short Stories Of Pain & Glory“ holt mich zurück in den Zufriedenheitsmodus, ehe mit „Rose Tattoo“ wenig später gleich ein nächstes Sahnehäubchen gesetzt wird. Fehlt nur noch die Kirsche „I´m Shipping Up To Boston“. Die Hymne, nicht nur einer Band sondern einer ganzen Stadt beschließt standesgemäß das reguläre Set. Es darf ausgerastet werden. Bevor es aber zurück an den heimischen Charles River geht, holen sich die Dropkick Murphys für die abschließenden Zugaben am Rhein noch Unterstützung auf die Bühne. Rund 40 weiblichen Anhängerinnen wird der Zutritt über die Balustrade gewährt, so dass sich die Damen abseits der muskelbepackten männlichen Ellbogenschwinger u. a. zu „Kiss me, I´m Shitfaced“ austoben dürfen.

Die Dropkick Murphys zu Gast in Oberbilk. Kannst du machen, solltest nur ebenso wie über den Parkplatz-Marktpreis für eine 0,33l-Mirinda auf dem Heimweg nicht zu viel darüber nachdenken.

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Archivfoto: Mathias Schumacher