Silverstein im Interview in Köln

Interview mit Silverstein 2013

Silverstein haben sich mit ihrem neuen Album auf ein außergewöhnliches Konzept festgelegt: Zu jedem Song gibt es einen inhaltlich entgegengesetzten – „was wäre wenn“ ist die grundlegende Frage.

Im Interview erzählen Sänger Shane Told und Gitarrist Josh Bradford über die Herangehensweise an das Album und an ihre Karriere generell. Und sie mutmaßen, was passiert wäre, wenn sie eben nicht so gehandelt hätten.

GETADDICTED: „What if“ steht als Frage über dem Album. Was wäre, wenn es nicht dazu gekommen wäre, dass ihr überhaupt in einer Band spielt?
Shane: Interessante Frage, weil wir schon so lange in dieser Band sind – das 13. Jahr. In der Schule sollte man sich für einen Beruf entscheiden, als ich 17 war. Mein Lieblingsfach war Chemie – also hab ich gesagt: Ich werde Chemiker. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einfach keine Ahnung von nichts.
Josh: Ich konnte überhaupt nicht überlegen, ob ich zur Uni gehen könnte. Ich musste sofort Vollzeit arbeiten, in einem Snowboard-Laden, den ich auch irgendwann geleitet habe. Vielleicht wäre ich heute noch in dem Business unterwegs. Vielleicht wären wir auch irgendwie trotzdem im Musikgeschäft tätig – ob professionell oder nicht.
Shane: Als Mercher!

GETADDICTED: Ihr habt euch bei eurem Vorgänger-Album „Short Songs“ auf ein Limit von 90 Sekunden Spielzeit pro Lied beschränkt. Wie war es, danach ohne diese Begrenzung neue Songs zu schreiben?
Shane: „Short Songs“ war eine Herzensangelegenheit, aber auch ein Spaß. Danach ein „normales“ Album aufzunehmen, war schon befreiender.
Josh: Das hat aber trotzdem den Blick darauf verändert, wie wir einen Song arrangieren. Aber wir konnten trotzdem viel mehr rumprobieren.
GETADDICTED: Trotzdem sind drei extrem kurze Songs auf „This Is How The Wind Shifts“. Waren die noch übrig?
Josh: Haha, nein. Wir haben uns nicht darauf beschränkt, die sind einfach passiert.
GETADDICTED: Oder war’s einfach eine späte Nachwirkung?
Shane: Nein, die sind ja auch anders. Es sind keine vollwertig strukturierten Songs wie auf „Short Songs“, mehr so Interludes. Eine andere Art von Experiment.

„Wir haben keinen Plan B mehr“

GETADDICTED: Ihr habt jetzt ein Konzept mit parallelen Tracks (zu jedem Song gehört ein inhaltlich entgegengesetzter, der die andere Seite des „What if“ beleuchtet, Anm. d. Verf.). Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Shane: Jeder Mensch hat sich schonmal mit dieser Frage beschäftigt: „Was wäre wenn? Wie sähe so ein alternatives Universum aus?“ Das kennt jeder – egal ob jung oder alt oder egal, wo man herkommt. Das ist eine völlig menschliche Frage an das Leben. Und ich wollte kein Konzeptalbum machen mit einer Geschichte vom ersten zum letzten Lied oder einem bestimmten Oberthema. Also warum nicht so?

GETADDICTED: How did the wind shift in your life?
Shane: Ich glaube, niemand hätte erwartet, dass es mit der Band so lange läuft. Das war ein wilder Ritt, der sich irgendwie selbst am Laufen gehalten hat. Der uns irgendwann dahingebracht hat, dass wir unseren Plan B neben der Musik beiseite gelegt haben für die Band. Unser Leben hat sich immer wieder verändert – Beziehungen und Freundschaften, auf die das Bandleben immer wieder Einfluss genommen hat. Da müssen manche Dinge eben hinten anstehen.

Silverstein/Shane Told, Foto: Alyssa Meister

Silverstein/Shane Told, Foto: Alyssa Meister

GETADDICTED: Euer Sound hat sich über die Jahre entwickelt, er ist gereift – aber ihr seid mit Ausnahme von „Short Songs“ nie wirklich von eurem Ursprung ausgebrochen. Hattet ihr nie das Bedürfnis danach?
Josh: Nein. Ich glaube, wir sind eine facettenreiche Band: Wir haben harten Kram und sanften – und alles dazwischen. Ich glaube, das hilft, dass einem der eigene Sound nicht langweilig wird, so dass man was komplett anderes machen möchte.
Shane: Wenn  wir eine reine Metal-Band wären, könnte ich verstehen, dass man nach sechs Alben im immer gleichen Stil mal was völlig anderes machen möchte. Dass auch die Fans mal was anderes hören möchten. Wir haben drei Levels an Intensität – das bringt mir genug Abwechslung. Es muss ein guter Song sein, egal in welcher Musikrichtung: Wenn man ihn auf eine Melodie und Akkorde herunterbrechen kann und er immer noch gut ist, wird er den Test der Zeit bestehen. Und das versuchen wir. Da müssen wir das Rad nicht neu erfinden.

„Fans merken, wenn etwas nicht echt ist“

GETADDICTED: Ihr und Funeral For A Friend habt beide eure Debütalben vor zehn Jahren veröffentlicht, ihr sprecht ähnliche Leute an. Seid ihr euch vor der der gemeinsamen Tour schonmal über den Weg gelaufen?
Shane: Wir haben sie hin und wieder mal auf Festivals getroffen und haben gerne mit ihnen abgehangen.
Josh: Ich finde es auch interessant, dass wir zur gleichen Zeit die gleiche „Szene“ bedient haben und es viele Bands aus der Zeit einfach nicht mehr gibt, wir aber beide überlebt haben – und trotzdem jetzt erst zum ersten Mal eine gemeinsame Tour zu spielen.
GETADDICTED: Wieso habt ihr beide „überlebt“?
Shane: Ich glaube, es hat auch was mit dem Ausbrechen zu tun, das du vorhin meintest. Viele Bands sind immer wieder einem Trend hinterhergelaufen – ob das jetzt Dance-Music oder irgendetwas anderes war. Und Bands verschwinden, wenn der Style wichtiger als die Substanz wird. Das ist der Untergang.
Josh: Du kannst dich verändern und etwas ausprobieren, aber wenn es sich nicht gut und richtig anfühlt, dann muss man zu dem zurückkehren, was man kennt.
Shane: Fans merken, wenn etwas nicht echt ist. Und das enttäuscht sie.
GETADDICTED: Das ist ziemlich genau das, was Funeral For A Friend im Interview vorhin auch gesagt haben. Wir haben sie auch gebeten, euch eine Frage zu stellen, wir euch jetzt hier weiterleiten: Erinnert ihr euch an das Skate-And-Surf-Festival 2004 in New Jersey?
Shane: Ja, kann ich! (lacht)
Josh: Ist da irgendwas passiert?
Shane: Ja, der verdammte Strom ist ausgefallen. Das war ein schrecklicher Tag. Was haben die denn gesagt?

Silverstein im Interview, Foto: Alyssa Meister

Silverstein im Interview, Foto: Alyssa Meister

GETADDICTED: Dass der Strom mehrmals ausgefallen ist und ihr einen Song vier Mal angefangen habt.
Shane: Gut, dass die sich daran erinnern. Ich hatte das schon ziemlich verdrängt. Sowas ist natürlich immer peinlich.
Josh: Achduscheiße, ja. Jetzt weiß ich auch wieder. (beide lachen)
GETADDICTED: Wie reagiert ihr in solchen Situationen auf der Bühne?
Shane: Wir müssen da durch. Egal wie. Wir heulen dann auch nicht rum: „Wir spielen nicht, weil irgendwas nicht funktioniert.“ Wir versuchen’s einfach. Damals hatten wir aber auch noch viel weniger Ahnung.
Josh: Und die Leute haben auch noch einen Scheiß auf uns gegeben. Aber ansonsten sind wir von großen Problem bisher eher verschont geblieben.
Shane: Wir hatten mal in Berlin das Problem, dass eine Gitarre komplett anders gestimmt war. Wir haben dann den Song gespielt und gedacht: „Alter, was machen wir hier jetzt. Das können wir nicht bringen!“
Josh: Paul hat auch schonmal ein Drumstick ins Auge gerkiegt und wir mussten die Show abbrechen. Er konnte halt überhaupt nichts mehr sehen.

 

“ In England gibt’s immer kalte Pasta“

 

GETADDICTED: Was war für euch der größte Moment bisher?
Shane: Als wir von Victory Records gesignt wurden. Und als wir das erste Mal über den Atlantik geflogen sind. Auch als wir die Live Music Hall hier zum ersten Mal ausverkauft haben – der Laden ist ja schon groß. Das war auch ein großer Moment.

GETADDICTED: Wonach seid ihr „süchtig“?
Josh: Deutsches Catering! Wir werden hier immer so gut versorgt, dass das echt zum Problem werden kann. Weil man immer wieder hingeht, weil es so lecker ist. Und wenn man dann spielen soll, liegt man vollgefressen irgendwo rum. (Das Geräusch, das Shane während dieses Satzes von sich gibt, ist in Schriftform nicht wiederzugeben).
Shane: Das ist aber auch so ein typisch deutsches Ding: Tische voller Essen, mehr als reingeht.
Josh: Und das schlimme ist ja, dass man ja ganz anders programmiert ist mittlerweile: Wenn es gescheites Essen gibt, dann haut man sich das rein – man weiß ja nicht, wie es morgen aussieht. Und dann spielst du in Deutschland und kriegst jeden Tag geiles Essen!
Shane: In England gibt’s dagegen immer kalte Pasta mit tonnenweise Tomatensauce.

GETADDICTED: Eigentlich fragen wir immer noch, welche Bands auf eurem Festival spielen würden. Ihr könnt aber auch sagen, welches Catering es da geben würde.
Josh: Die Bands wären auf jeden Fall großteils vegetarisch oder vegan, und demnach auch das Essen. Also: Propagandhi,
Shane: Rise Against. Bei Funeral For A Friend sind auch viele Vegetarier oder Veganer.
Josh: Morrissey!
Shane: Earth Crisis. Wir überlegen uns noch ein paar mehr und nennen das dann das Vegan-Fucks-Fest.