Slime

Slime beim Ruhrpott Rodeo 2010

Keine Ansage, als Begrüßung „A.C.A.B.“, „Legal, Illegal, Scheißegal“, „Polizei, SA, SS“ – Slime sind wieder da.

Das Ruhrpott-Rodeo in der Pampa, irgendwo in der Nähe von Hünxe – der erste Auftritt von Slime nach 15 Jahren. Zwischen Iros, Spikes, Nietengürteln und Netzstrumpfhosen laufen zwei Jungs im Ballonseide-Trainingsanzug herum. Vielleicht sind sie die wahren Punks. Oder der altgediente Punkrocker, der jetzt Lehrer ist. Oder der andere, der mittlerweile als Anwalt arbeitet. Für Slime kommen sie alle wieder zusammen. Bei allen Phrasen und teilweise platten Texten – Slime haben immer noch Bedeutung. Da klettern sogar Lehrer über den Zaun. Einer zumindest.

Nach dem oben genannten Dreier-Pack heißt es nur kurz: „Wir sind immer noch Slime, und wir kommen immer noch aus Hamburg“, auch wenn mittlerweile zwei weggezogen sind und der eigentliche Drummer Stephan Mahler sich nicht zu diesen Reunion-Konzerten bewegen ließ. Und dann geht’s direkt weiter: „Albtraum“, „Zu kalt“, „Schweineherbst“. Als erstes kriegt der Lehrer sein Fett weg: „Linke Spießer“, später der Anwalt – „Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz“. Gewidmet wird der Song dem deutschen „General“, der den für mehr als 100 Zivilisten tödlichen Luftanschlag in Kundus zu verantworten hatte und der freigesprochen wurde (Dass es sich um einen Oberst handelt – drauf geschissen).

Es ist ein imposantes Bild: Geschätzte 3-4000 quetschen sich vor der Bühne, skandieren „1,2,3,4 – für den Untergang sorgen wir“, auch wenn aus den weiten Feldern und Wäldern wohl an diesem Abend keine Revolution ausgehen wird. Es brennen „nur“ ein paar Zelte, keine Barrikaden oder ähnliches, wenn Slime zum Abschluss nach 80 Minuten „Deutschland“ und „Bullenschweine“ spielen. Für einen Großteil dürfte es das erste Mal sein, diese Songs von den Originalen live zu hören und zu sehen, und ja, es ist irgendwie großartig und auch wichtig.

Aber es gibt auch deutliche Abzüge: Kann man sich nach 15 Jahren als Band mit einem derartigen Status auf die Bühne stellen und keine einzige Silbe darüber verlieren, dass oder warum man wieder da ist? Das Ruhrpott Rodeo war immerhin der erste offizielle Auftritt. Sollten Musiker – mit Ausnahme von Sänger Dirk – einen Aktionsradius von 30 Zentimetern haben? Und wenn Sänger Dirk in einer verschwurbelten Ansage zu „Linke Spießer“ einer Partei Kriegstreiberei und Machtgeilheit vorwirft, dann soll er wenigstens die Grünen auch beim Namen nennen. Und vor allem: Wo war die Leidenschaft? Beim begeisterten Publikum. Vielleicht beim linken Spießer, Lehrer und Beamter, der über den Zaun geklettert ist. Bei der Band? Mit ihren (fast) eigenen Worten: Keine Gefühle, keine Blöße, ein Konzert, das nur verhallt … zu kalt.

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