tiger army, Foto: Benjamin Knoll

Tiger Army in der Zeche Carl, Essen

Erst sich zehn Jahre nicht blicken lassen und dann gleich doppelt schmachten: Gut drei Monate nach Köln bespielten Tiger Army die Zeche Carl in Essen.

Als Sympathisant der Tiger Army aber explizierter Nicht-Die-Hard-Fan ohne Schmierfrisur und schwarzen Achten auf der Haut musste man sich vergangenen Winter verwundert die Augen reiben: Nick 13 und seine Rhythmusfraktion beerten Deutschland mit neuem Album und ein paar Konzerten nach fast einer Dekade Abstinenz. Gute Sache, wären da nicht die Wahl der Location in NRW und die  kaum erklärbaren Preise von gut 32 Euro pro Ticket gewesen. „Die Essigfabrik war viel zu groß, der Sound ein einziges Desaster, Publikum und Band lustlos, keine Zugabe – ein einziges Fragezeichen der Abend“ nörgelte mir eine Freundin am Tag nach dem Konzert im November in Köln ins Ohr. Die Koordinaten aus Essigfabrik, Preis und mäßig langer Spielzeit verliehen ihrem niederschmetternden Fazit durchaus Glaubwürdigkeit. Die Tiger Army hatte in Essen also etwas gut zu machen.

Die Zeche Carl konnte zumindest schon mal mit solidem Klangbild und angemessener Kapazität aufwarten. Geschätzte 250 Menschen zahlten an diesem Abend die gut dreißig Flocken für die Szene-Heroes aus Kalifornien und sahen sich pünktlich um 20 Uhr in einer gut gefüllten Zeche mit einer Vorband namens Rampires aus Münster konfrontiert. Geboten wurde ein relativ unspektakuläres aber grundsolides Aufwärmprogramm aus viel Punkrock, viel Misfits und einer Prise Rock ’n‘ Roll. Eine schier ewige Umbaupause später startete dann das Ruhrpott-Gastspiel der Tiger Army.

Die Tiger Army hat Luft nach unten

Nick 13 zog die Blicke von Beginn an auf sich. Ein nach vorne gezogener Unterkiefer, ein Grinsen wie vom Cover einer neuen Mike Bauhaus-Platte und das ständige Kopfnicken im Stile eines galoppierenden Pferds machten die Bühnenpräsenz zu einer extrem Einprägsamen. Dazu der Kontrabass, der mal liegend und mal stehend nach vorne trieb und ein neuer Drummer, dem Niemand eine Ähnlichkeit zu einer Mischung aus Franz Nicolay und Pyradonis, dem missgünstigen Architekten aus Asterix und Kleopatra, absprechen kann. Tiger Army machten in Essen einiges besser als vor drei Monaten in Köln. Denn nicht nur die strukturellen Defizite wurden behoben, sondern auch die Spielfreude war zurück. Zwischen jungen Schmalzperlen wie „Prisoner of the Night“ vom neuen Album „V“ und alten und mittelneuen Punkern wie „Afterworld“ und „Never Die“ ließ man sich sogar zu einer echten Ansage hinreißen: „This one is for everbody. Punks, Skins, Psychos, Hardcore-Kids: Fuck the world, fuck all politicians, fuck politics”. In Köln wurde “Fuck The World” immerhin Trump gewidmet. Geschenkt – Schließlich gab es nach gut 50 Minuten sogar noch drei (!) Zugaben.

Wer weiß, vielleicht machen Tiger Army nach den bevorstehenden Support-Shows mit den Broilers in den Arenen dieses Landes ja sogar bald auch ’nen mittelgroßen Club voll. Bis dahin darf das Ganze aber gerne auch nochmal ein wenig eingedämpft werden.

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