Jan Windmeier (Foto: Nele Posthausen)

Interview mit Jan Windmeier (Turbostaat) — „Ich habe gedacht: Irgendwann ist doch mal Schluss!“

Wir haben uns mit Turbostaat-Sänger Jan Windmeier vor dem Tourstart im Bochumer Bahnhof Langendreer zum Interview getroffen. Trotz aufkommender Altersmilde macht ihn derzeit die Ignoranz vermeintlich Gleichgesinnter wütend. Dass die Rechte in der Mitte angekommen ist, verarbeitet er in „Die Tricks der Verlierer“. Und er verrät das Geheimnis, warum der großartige und wichtige Song es nicht auf Abalonia schaffte.

Sich anschreien und anderen seine Meinung aufdrücken, ist nicht gerade die Art von Jan Windmeier, Debatten auszutragen. Der Turbostaat-Sänger dankt am Ende dieses Tour-Auftaktes in Bochum den Fans. Er freut sich, dass sie zu ihnen, als „alte Säcke“ noch kommen und er spürt auch sonst eine Altersmilde aufkommen: „Ich lasse andere Meinungen mehr zu, als man das mit 16, 17 oder 18 getan hat. Da habe ich auch mal laut diskutiert, weil ich meinen Standpunkt auch zum vierten Mal klarmachen wollte“. Heißt aber nicht, dass es jetzt weniger Themen gäbe, die Jan wütend machen. Gerade packt ihn vor alle die Ignoranz derer, die er für Gleichgesinnte hielt.

Es wird ja immer schlimmer

K1600_DSC_0055Eigentlich hätten Turbostaat im Bahnhof Langendreer schon unterm Weihnachtsbaum spielen müssen. Die jährliche Heiligabend-Party hier ist genau eines dieser in Erinnerungen und Alkohol ertränkten Treffen mit alten Bekannten, die Turbostaat auf ihrer neuen Single „Die Tricks der Verlierer“ besingen. Treffen, die manchmal erschrecken. So erzählt Jan Windmeier auf der Single von einem Winterabend. Ungewöhnlich warm war es und windig, als Turbostaat sich wie jedes Weihnachten in einer kleinen Kneipe in Husum einfanden. Alte Leute treffen, wie jedes Jahr. Aber etwas war anders. „Man dachte immer, man zieht an einem Strang,“ sagt Jan rückblickend, „aber da mussten wir feststellen, dass es doch nicht so war.“

Kommentare von Bekannten, Posts in Social Media und Kommentarspalten, erschrecken ihn. Posts, die unreflektiert über die „Flüchtlingskrise“ herziehen oder wie Jan sagt, die „CDU-Journaille“ teilen. „Ich habe das Gefühl, dass immer weiter Grenzen überschritten werden, mit Äußerungen. Dass diese „Rechte“ in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, das ist etwas, wo ich dachte: Irgendwann ist doch mal Schluss! Was die AfD oder das, was der Höcke wieder vom Stapel gehauen hat, das muss doch irgendwann mal reichen. Es wird ja immer schlimmer. Und das ist das, was mich am meisten ärgert.“ In den neuen Turbostaat-Song verpackt klingt das ungewöhnlich anschmiegsam, aber gerade dadurch wieder bedrückend: „Mit dem Feuerwerk erhellt/ Ihr Seufzen und Sehnen nach Wert/ Sie träumen nicht mit dir“.

„Die Tricks der Verlierer“ ist in Sachen Gesang ein „Koloss“

Die Single hätte zeitlich schon vor einem Jahr mit „Abalonia“ erscheinen können. Ein Album, dass die Band lieber nicht „Konzeptalbum“ nennt. Aber die Songs auf diesem sechsten Studioalbum sind immerhin so eng aneinander passend, dass der Song nicht mehr stimmig war. „Abgesehen davon, sind wir auch nicht zufrieden gewesen, so wie das Lied dann direkt nach den Aufnahmen war,“ räumt Jan Windmeier ein. Denn der Song ist ein „Koloss“ für seine Stimme. Am vierten Tag der Aufnahmen zu Abalonia hat er sich rangewagt. In den Hansestudios haben Turbostaat den Song mit Produzent Moses Schneider wie die anderen Album-Tracks als Band aufgenommen: „Aber meine Stimme war nach den vier Tagen schon so weit unten, dass ich die Tonhöhen nicht mehr so bekommen habe, wie ich sie bekommen wollte.“ Deswegen musste „Die Tricks der Verlierer“ eine Weile liegen. Der Gesang wurde jetzt für die Veröffentlichung auf der 7-inch nochmal neu aufgenommen und ganz untypisch für Turbostaat über die Aufnahmen vom Live-Recording gelegt.

Jan Windmeier – Nase an Nase schreien

Beim Tour-Auftakt in Bochumer Bahnhof Langendreer ist von Jans zurückhaltender Diskussions-Mentalität dann eher wenig zu merken. Auf der Bühne mag er es, K1600_DSC_0076sich Nase an Nase mit den Fans anzuschreien. Hier ist die Wut druckvoll, schnell und laut. „Eine Bochumer Weltpremiere für die neue Single“, wie Gitarrist Rollo Santos feststellt. Da Turbostaat-Texte für die Fans aber sowas wie Mantras sind, verschwommene Wahrheiten, die jeder für sich selbst entpackt, ist mitschreien kein Problem. Wort für Wort. Natürlich ist das hier ein Mittwoch-Abend, mit den Stoner-Rockern von „Terraflop“ als Vorband ist nur wenig ausrasten angesagt und bei einem Tour-Auftakt muss auch die Band erstmal warm werden. Aber nach der Hälfte des wohl durchdachten Sets, sind die Mitschreienden und einige Stage-Diver ganz vorne am Start. Ironisch fast, dass Jan ausgerechnet zum Song „Insel“ über die Heimat Husum das Mikro abgibt. „Hier war also einmal dein zuhause?“, fragt der Junge in der ersten Reihe ins Mikro. Eine ganze Strophe fehlerfrei, im Takt, auch angetrunken – für die Turbostaat-Fanboys hier kein Problem.

Wäre es eines der Abalonia-Konzerte gewesen, auf denen Turbostaat vor einem Jahr das Album in korrekter Reihenfolge gespielt haben, dann wäre nach dem Titeltrack Schluss. Und so gehen die Jungs nach der Zeile „Und vielleicht trifft man sie in Abalonia“ auch brav dankend von der Bühne. Aber sie lassen sich wieder hoch rufen, keine Mätzchen, wie bei den Kollegen Kopfpunkern, die mittlerweile keinen Bock mehr auf Zugabe-Spielen haben. Nein, Turbostaat geben noch was drauf, spielen mit „Der Zeuge“ einen der stärksten Tracks des düsteren 2015er Albums und verabschieden sich dann sichtlich erfreut. Inwieweit Turbostaat wirklich politisch beeinflussen können, das will Jan nicht mutmaßen. Aber er glaubt, dass die Musik, die sie mit „Input und Message füllen, gerade junge Leute schon in eine Richtung schubsen kann.“  Und das funktioniert bei Turbostaat weiterhin ganz ohne erhoben Zeigefinger. Auf dass wir uns eigene Gedanken machen.

(Fotos: Nele Posthausen)